Kommunaler Streit um Musik auf dem Volksfest
Erlangen legt Liedliste für die Bergkirchweih vor – Streit um Empfehlung, Wirkung und Grenzen
Die Stadt Erlangen hat Wirten der Bergkirchweih eine Übersicht mit Liedern übermittelt, die dort nach Vorstellung der Stadt „keinen Platz“ haben sollen. Die Verwaltung begründet das mit dem Ziel, sexistische, diskriminierende oder anderweitig menschenfeindliche Inhalte auf dem Volksfest zurückzudrängen. Gleichzeitig betont die Stadt, es handele sich nicht um ein formales Verbot, sondern um eine Sensibilisierung und Orientierung für Betreiber und Musikprogramm.
Damit steht weniger ein einzelner Song im Mittelpunkt als die Frage, wie weit kommunale Steuerung bei einem traditionsreichen, aber städtisch geprägten Volksfest reicht – und ab wann aus einer Empfehlung faktisch eine Vorgabe wird.
Worum es bei der Liste geht – und welche Titel genannt werden
Bei der Bergkirchweih geht es nach Angaben aus dem Umfeld der Debatte um eine Zusammenstellung von zwölf Liedern, die „möglichst“ nicht gespielt werden sollen. Genannt werden in diesem Zusammenhang unter anderem:
- Geh mal Bier holen
- Skandal im Sperrbezirk
- Joana
- 20 Zentimeter
Bei „Joana“ wird als konkreter Anlass auf problematische Zwischenrufe verwiesen: Der Name „Joana“ werde im Publikum teils mit dem Ruf „Du geile Sau“ beantwortet. Die Stadt argumentiert damit nicht abstrakt über Kunst oder Geschmack, sondern über die erwartbare Dynamik auf einem Fest, auf dem Alkohol, Gruppendruck und Mitgrölen zum Setting gehören – und an dem sich Grenzen zwischen „Partystimmung“ und entwürdigender Ansprache schnell verschieben können.
Kritik aus dem Musikbetrieb: „Liste“ als Signal – und als Eingriff
Aus dem Musikumfeld kommt Widerstand, weil die Maßnahme als Einstieg in eine kommunale Einflussnahme auf Bühnenprogramme verstanden wird. Jürgen Thürnau, Manager der Spider Murphy Gang, kritisierte die Idee einer Songliste grundsätzlich und monierte, es habe aus seiner Sicht keine nachvollziehbare Begründung gegeben. Der Sänger Peter Wackel äußerte ebenfalls Unmut und beschrieb die Entwicklung auf der Bergkirchweih als zunehmend reglementiert.
In der Zuspitzung steckt ein realer Konflikt: Volksfeste leben von Ritualen, Wiedererkennung und „Kult-Hits“ – doch genau diese Routinen können auch die Bühne dafür sein, dass sexistische oder abwertende Sprechchöre als harmloser Brauch verharmlost werden. Die Stadt setzt ersichtlich darauf, dieses Risiko präventiv zu senken; Kritiker befürchten eine schleichende Einschränkung dessen, was auf Festen gespielt werden darf.
Der politische Rahmen: Stadtratsbeschluss und vertragliche Leitplanken
Der politische Bezugspunkt liegt nicht erst im aktuellen Schreiben, sondern in einem Stadtratsbeschluss aus dem Jahr 2021. Damals wurde für die Bergkirchweih eine vertragliche Regelung angelegt, die das sogenannte Donaulied in allen Fassungen ausschließt und darüber hinaus Lieder mit Gewaltbezug oder „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ nicht zulässt.
Damit ist die aktuelle Debatte nicht nur Tagespolitik, sondern Teil einer Linie, die der Stadtrat bereits vor Jahren angelegt hat: Die Stadt will Regeln nicht erst dann diskutieren, wenn ein Eklat passiert, sondern im Vorfeld über Verträge, Leitplanken und Erwartungsmanagement wirken.
Empfehlung oder faktische Vorgabe? Die entscheidende Frage ist die Durchsetzung
Die Stadt stellt die Liste als Handlungsempfehlung dar. Formal ist das ein wichtiger Unterschied: Eine Empfehlung ist kein Verwaltungsakt und ersetzt keine rechtliche Verbotsnorm. Politisch und praktisch bleibt aber die Machtfrage: Auf der Bergkirchweih ist die Stadt nicht nur Kommentator, sondern in vielen Fällen Vermieterin bzw. zentrale Rahmensetzerin – wer auf städtisch organisiertem Gelände wirtschaftet, wird Hinweise der Kommune kaum wie eine unverbindliche Broschüre behandeln.
Genau aus dieser Konstellation speist sich der Streit. Kritiker erleben bereits die Existenz einer „unerwünschten“ Songliste als Druckmittel, selbst wenn Sanktionen nicht ausdrücklich benannt sind. Die Stadt wiederum kann argumentieren, dass sie für Sicherheit, Atmosphäre und Nichtdiskriminierung mitverantwortlich ist – und dass ein Volksfest kein rechtsfreier Raum für Entgleisungen ist, nur weil sie seit Jahren als „Tradition“ mitlaufen.
Der Kontext: Erlangen setzt seit Jahren auf ein klares Signal gegen Rassismus und Ausgrenzung
Dass Erlangen das Thema öffentlich offensiv bespielt, ist nicht neu. Nach einem Vorfall rund um rassistische Inhalte betonten Stadt und Ausländer- und Integrationsbeirat 2024 in einer gemeinsamen Erklärung, auf der Bergkirchweih hätten Ausländerfeindlichkeit und Rassismus keinen Platz; zugleich wurde hervorgehoben, wenn Wirte sich gemeinsam gegen entsprechende Inhalte positionieren.
Die aktuelle Liedliste fügt sich damit in einen Ansatz ein, der weniger auf nachträgliche Empörung zielt als auf steuernde Vorarbeit: Regeln, Erwartungen und Grenzen sollen vor dem Fest klarer sein als danach.
Was bleibt: Kulturkampf-Reflexe helfen wenig – entscheidend ist Transparenz
Der Konflikt lässt sich nicht seriös auf „Zensur“ versus „alles muss erlaubt sein“ verkürzen. Entscheidend ist, wie transparent die Stadt Erlangen Kriterien, Zuständigkeiten und Konsequenzen beschreibt: Wer bewertet nach welchen Maßstäben? Gilt die Liste nur als Hinweis oder fließt sie in vertragliche Pflichten ein? Und gibt es ein Verfahren, wie Wirte, Bands oder Betroffene Einwände vorbringen können?
Solange diese Punkte offen bleiben, wird die Debatte weiterlaufen – nicht nur darüber, welche Lieder „passen“, sondern darüber, wie verbindlich eine kommunale „Sensibilisierung“ in der Realität eines städtisch gerahmten Volksfests tatsächlich ist.
Häufig gestellte Fragen
Quellen
- https://www.bild.de/politik/inland/erlangen-verbietet-skandal-im-sperrbezirk-auf-volksfest-bergkirchweih-6a0fff69f0f7eb608db7a1b8, 22.05.262026
- https://ratsinfo.erlangen.de/getfile.asp?id=18210755&type=do
- https://ratsinfo.erlangen.de/to0050.asp?__ktonr=5051702
- https://erlangen.de/aktuelles/presseerklaerung-des-auslaender-und-integrationsbeirats-zu-rassi
- https://www.sueddeutsche.de/bayern/erlangen-liste-lieder-bergkirchweih-spider-murphy-gang-skandal-im-sperrbezirk-li.3487811

